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Im ersten Moment dachte ich: ” Nicht nochmal. Gottverdammt, nicht nochmal so eine Enttäuschung. Schließ ab mit dem Gedanken. Kein Kind mehr dieses Jahr, vielleicht nächstes, vielleicht auch gar keins mehr. Bella ist wundervoll. Alles klappt. Alles läuft. Nicht nochmal enttäuscht werden, nur nicht nochmal enttäuscht werden.”
Die Angst, enttäuscht werden, zieht sich ebenso durch meine Leben, wie die Angst verletzt zu werden. Es gibt Menschen, die rechneen tagtäglich damit, enttäuscht oder verletzt zu werden. Und ich gehöre dazu. Es ist schon besser geworden. Immerhin glaube ich nicht mehr, dass dann die Welt untergeht. Man kann es aushalten. So weit bin ich schon. Ich rechne nicht mehr mit dem Schlimmsten. Ich lauer nicht auf das nächste Unglück. Immerhin. Immerhin.
Aber dennoch.
Dass ich schwanger wurde, grenzte an ein Wunder. Noch im Februar sagte Alex zu mir, dass er sich trennen will. Dass er mich nicht mehr liebt. Leos Misstrauen ihm gegenüber ist nicht unbegründet. Alex kann grausam sein. Er entzieht sich. Mir und meiner Welt. Er beäugt mcih von Zeit zu Zeit. Mit unbewegtem höflichen Gesicht. Er will mich nicht. Dann. In diesen Augenblicken. Sein Lieblingslied ist With or without you von U2. Das hat mir von Anfang an Angst gemacht, und nicht nur,k weil ich U2 für die größten Scharlatane der Musikgeschichte halte. Wenn er mich nicht will, bekomme ich Angst. Wenn ich Angst bekomme, werde ich aggressiv. Und wenn ich aggressiv werde, will er mich noch weniger. Ich kann mich auf den Kopf stellen. Er will mich nicht, er will mich nicht, er will mcih nicht.
Dass ich mich dennoch für einen zweiten Versuch entschieden habe, hat mit zwei Dingen zu tun: So wenig er mich will, so sehr möchte er wieder ein Kind mit mir. Wir sind wunderbare Eltern. Einfach wunderbar. Wir lieben es Eltern zu sein. Der zweite Grund: Ich liebe ihn. Mit keinem anderen Mann werde ich je so friedlich leben können. Widerspruch? Widerspruch.
Nun aber zum endgültigen Konflikt: Wie will er mich begatten, wenn er mich nicht begattet?
Jaja, die Sache mit den Blümchen und den Bienchen ist Alexanders Sache nicht. Ob es an mir liegt? Natürlich denke ich, dass es an mir liegt. Jetzt gerade sitze ich verzweifelt am Bildschirm, weil ich mal wieder abgewiesen wurde. Denke nach über meinen Körper, mein Leben, meine Wünsche und meine Träume. Ach Träume, viele davon habe ich in die Tonne getreten. Zurück zur Frage: Liegt es an mir? Schwer zu sagen. Äußerlichkeiten können es nicht sein. Ich bin schön. Mitte Dreißig. Und ganz ehrlich schön. Gute Haut, gute Brüste, sinnlicher Mund, geschwungene Hüfte, Blitzen in den Augen. Alles da. Charmant kann ich auch noch sein. Eine Zicke mit Niveau, wurde in meiner Jugendzeit über mich behaupte, und das hat mir ganz gut gefallen. Alexander hält mich in guten Zeiten für eine durchgeknallte Elfe. In schlechten bin ich einfach Price mit den Baumwollunterhosen.
With or without you. Da könnte der Knackpunkt liegen. Fühlt er sich zu sicher, zieht er sich zurück. Bei Ultimaten macht er dicht. Was hilft, ist authentische Gleichgültigkeit. Dann ist er sich plötzlich sicher, nichts anderes je in seinem Leben gewollt zu haben, als mich.
Zweiter Versuch? Geht es darum? Vielleicht haben wir tatsächlich nächsten Monat Sex. Vielleicht klappt es sogar bei einem Mal im Quartal. Das war bei Bella nicht anders. Und auch beim Knöpchen, das leider nicht bei uns blieb.
Ich hatte aber gehofft, dass ich mir nicht mehr die grundsätzliche Frage stellen muss, ob ich überhaupt die nächsten Jahre so weiter machen will. Ich hatte gehofft, wir wären ein kleines Stückchen weiter. Ich hatte gehofft, ich werde nicht mehr enttäuscht. Nicht mehr von ihm.
Ich hatte gehofft. Und ich hör nicht auf damit. Nun frag ich mich, ist das blöd oder romantisch?
Ich wüsste, was Leo dazu sagen würde.
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Jetzt ist es an mir verblüfft zu sein. Alex streicht mir über den Rücken. “Komm, wir fragen nochmal nach.” “Nein!” zisch ich ihm mit zusammen gekniffenen Augen zu. “Wir fragen NICHT nach. Entweder mir hilft jetzt HIER jemand weiter, oder ich gehe einfach in ein anderes Krankenhaus. Mir MUSS ja jemand helfen.” Mein Unterleib pocht. Meine Jeans sehe ich in Gefahr, nie wieder tragbar zu sein. Ich stehe auf einem kalten Krankenhausflur, habe eine Fehlgeburt und warte darauf, dass jemand meine Gebärmutter ausschabt.
Ein Pfleger besinnt sich auf seine Verantwortung Patienten gegenüber und kommt zu uns. “Abrasio ist eine Ausschabung und auf 2A müsste auch noch was frei sein. Gehen Sie nochmal rüber.”
Wir dackeln also wieder auf die A. Als ich dort bekannt mache, dass ich starke Blutungen habe, kommt der Stein endlich ins Rollen. Plötzlich ist ein Bett frei. Plötzlich bekomm ich irgendwelches Fusselzeug in die Hand gedrückt, das ich anziehen soll. “Sie werden vorgezogen” teilt mir die Schwester mit, die mir gestern noch die Hand gehalten hat bei der Voruntersuchung. Na, das ist doch mal eine Nachricht. “Was ist das?” Ich halte Schwester Eva ein komisches Netzding hin. Sie grinst. “Eine Unterhose.” Ich kicher. “Und das?” Ihr Grinsen wird breiter. “Thrombose-Strümpfe.” “Schicke Dinger.” stell ich fest, nachdem ich sie einmal aufgerollt habe.
Im Zimmer liegt eine Frau. Vielleicht auch ein Abrasio-Fall. Sie schläft und wirft sich unruhig hin und her. Ich kicher. Ich kann es grade nicht zurückhalten. Absurd. Völlig absurd, denke ich, während ich meine hässliche große Unterhose auf den Boden fallen lasse, die dicke Klopapierwurst gleich hinterher, und dieses bescheuerte Netzding anziehe. Die Einlage schön rein. Dann die Stützstrümpfe in elegantem Weiß mit rot-blauen Gummirand am oberen Ende. Ein hinten offenes Nachthemd krönt mein Outfit, weiß steht mir ohnehin so gut, und mein Rücken ist definitiv meine Schokoladenseite. “hihihi, Sexy Hexy.” Ich dreh mich hüftwackelnd einmal im Kreis. Alex grinst und raunt mir verschwörerisch zu: “Vielleicht können wir die Dinger behalten. Wir fragen mal.” “Nee,” bei mir brechen alle Dämme. “Wir nehmen sie einfach MIT! Du bist Clyde, ich Bonnie, wir werden ein so aufregendes Leben führen.”
Lachend leg ich mich ins Bett. Mit unbewegten Gesicht schiebt mich Schwester Eva davon. Im Vorraum vom OP liegen gleich drei Patientinnen. Kleine Vorhänge trennen uns. Man hört jedes Stöhnen, jedes Wort. Ein Typ, der aussieht wie Pfleger Mischa aus der Schwarzwaldklinik, legt mir einen Zugang, was ganz schön dolle piekst. Eine Ärztin schaut nach mir. Sie stellt sich als Frau Dr. Rose vor und behauptet, meine behandelnde Ärztin zu sein. “Und was ist mit Herrn Dr. Trockeneis?” “Ähm, tut mir Leid. Hat man Ihnen das nicht gesagt, der ist in einer anderen OP.” Ich strahle. “Das muss Ihnen nicht Leid tun. Das ist gut. Das ist sogar sehr gut!” Die Ärztin lächelt höflich, drückt mir durch ihre Plastikhandschuhe die Hand und sagt noch, dass es SEHR gut sei, dass die Blutungen von alleine begonnen haben. “Dann nimmt die Natur einfach ihren Lauf. Wir räumen nur auf.”
“Aufräumen”, soso. Nun gut. Zum Aufräumen wird mir eine fette Vollnarkose verpasst. Sieben Menschen stehen um mich rum und beobachten mein Verhalten. Gehetzt schau ich mich zwischen all den Lichtern und Gesichtern um, auf der Suche nach einem vertrauten Gesicht. Und da lächelt die Ärztin im praktischen Jahr von gestern über mir. Blickkontakt ist nicht gerade die Stärke von Krankenhauspersonal. Aber sie hält ihn, die Gute, und schon ist mir ein bisschen wohler. Während ich die Lichter über mir zähle, schwindet mein Bewusstsein und das nächste, was ich höre, ist, dass die OP sehr gut verlaufen ist.
“alles gut?” nuschel ich in mein Kissen. “Alles gut.” sagt eine vertrauenswürdige Stimme und ich glaube ihr.
Dass gar nicht alles gut ist, fällt mir erst einen Tag später wieder ein. Für heute blieb nur die Hochstimmung: Ich habe es überstanden. Schon eine Stunde später sitze ich in der Kantine und stopfe Frikadellen und Pommes in mich hinein. Man wundert sich. Und sucht mich zur Nachbesprechung, während ich mit einem Kaffe auf der Terrasse sitze und mir ein Zigarettchen danach schmecken lasse.
Die Anästhesistin soll einen Blick auf mich werfen, bevor ich gehen kann. Man misst Blutdruck, stellt Top-Werte fest. Fein.
Der Tag danach, an dem mich die Realität wieder einholte, wurde die Hölle.
Und auch der Tag darauf.
Und der nächste war auch nicht viel besser.
Aber die Wochen vergehen. Und es wird leiser in mir. Alles fließt, nichts dauert…
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Es ist halb acht Uhr morgens, meine Augen öffnen sich, verklebt vom vielen Weinen am Abend vorher (außerdem trink ich so wenig, man soll ja viel trinken), jedenfalls ist das erste, woran ich denke, diese muttermundweitende Tablette, die ich direkt nach dem Aufwachen nehmen soll. Die nehm ich dann auch mit einem kleinen Schlückchen Wasser (nüchtern bleiben, ganz nüchtern vor einer OP) und wanke mutlos unter die Dusche.
Dort fallen mir auch die unermesslichen Schmerzen im Unterleib auf, die zu meiner Stimmung passen. Blutströme wandern durch die Wasserbahnen, wirbeln um den Abfluss herum, wie ein hübscher Kinderkreisel dreht sich das Blut in kleiner werdenen Kringeln um das kleine Loch am unteren Ende der Badewanne. Ich halte meinen Kopf unter den tröstlich warmen Wasserstrahl. Soll es doch weh tun. Es tut ohnehin schon unerträglich weh, und zum Widerspruch spüre ich gleichzeitig, wie ich auf stumm, auf taub schalte. Mechanisch schalte ich den Wasserstrahl ab, verlasse die Dusche, nicht ohne mit einem Handtuch dafür zu sorgen, dass nicht das halbe Badezimmer unter rotes Wasser gesetzt wird. Eine Binde habe ich nicht, Tampons darf ich nicht benutzen, also forme ich mit Klopapier eine Riesenwurst und ziehe meine größte Unterhose an, die Gottseidank auch meine hässlichste ist. Komischerweise fühl ich mich vollständig angezogen wieder normal. Was war heute nochmal? frage ich mich rauchend auf der Terrasse und als es mir einfällt, drücke ich hektisch meine Zigarette wieder aus. Nüchtern, das hieß auch nikotinfrei. Scheiße.
Bella. Bella hüpft um mich rum und singt ein Phantasielied. Sie lächelt mich an: “Mama, ich FREU mich heut so!” Gut so. Ich lächel zurück. Alex läuft mit unbewegter Miene durch die Zimmer, sucht alles zusammen. Wir setzen uns alle ins Auto. Langsam kann ich das Stöhnen nicht mehr zurückhalten, mein Unterleib krümmt sich, dehnt sich, krümmt sich, das Blut scheint in stetigem Fluss aus mir herauszuströmen. Irgendwie schaffe ich es, weiter zu lächeln.
Es geht. Es geht schließlich auch bei anderen Frauen. Die haben das auch überstanden, warum dann nicht ich. Tapfer beiß ich mir auf die Unterlippe, geb Bella den verlangten Kaugummi und mache das Radio an. Gut gelaunte Frühstücksstimmen. Irgendwie machen die mich wütend.
Alex bringt Bella noch schnell in ihren Gruppenraum, dann seh ich ihn herauskommen, zügig überquert er das Außengelände und lässt sich dann neben mir in den Fahrersitz plumpsen. Sein unbewegliches Gesicht ist angespannt, und ich bin dankbar, dass ihm seine Gefühlsregungen nicht anzumerken sind.
Am Krankenhaus angekommen suchen wir einen Parkplatz. Wie kommen die eigentlich dazu, 2 Euro Parkgebühren pro Stunde zu nehmen? Das ist doch krank, oder? So krank wie ich. So krank wie Dr. Trockeneis. Wirre Gedanken entstehen in meinem Kopf. Die Kranken sind die Gesunden, die Gesunden die Kranken. Wahnsinn und Normalität, man darf deren Verteilung nicht in Frage stellen. Und da beginnt es. Ich schüttel den Kopf und grinse. Alex schaut mich fragend an. Ich weise auf meinen Kopf und mache eine kreisende Bewegung neben meiner Schläfe. Er versteht sofort. Kopfkino.
Wir melden uns an und bekommen mitgeteilt, dass in der Ambulanz keine Betten mehr frei sind. “Sie müssen auf Station 2B.” Aha. Na gut. Dann auf zu Station 2B. Wir folgen den Schildern, das heißt, Alex folgt den Schildern, denn ich habe meine Kontaktlinsen nicht an und wanke durch verschwommene Farben, Lichter und Umrisse. Allerdings sind die Wörter: “Station für Geburtshilfe” groß genug geschrieben, dass auch ich sie erkennen kann. “Hier sind wir DEFINITIV falsch” flüster ich fast kichernd Alex zu, mein Humorzentrum regt sich immer bei solchen grausamen Streichen, die einem das Leben spielt. Alex flüstert zurück: “Ich wünschte, das wäre so, aber DAS ist Station 2B.” “Da geh ich nicht rein” sage ich laut und drehe um.
Station 2A ist auf der gegenüber liegenden Seite. Da wackel ich jetzt hin. An der Schwesternstation angekommen, frag ich nach. “Nein, tut uns leid. Sie müssen auf 2B. Hier ist alles voll.”
“…” Meine weit aufgerissenen Augen rühren hier niemanden. Der Pfleger schlürft seinen Kaffee auf, die Oberschwester blättert in aller Gemütsruhe in irgendwelchen Akten. Wie angewurzelt stehe ich da. Ein fragender Blick einer vorbei huschenden Assistenzärztin gibt mir Mut. “Ich soll auf station 2B.” sag ich ihr entrüstet. “FRau APunkt?” “Genau!” “Ja, das geht leider nicht anders. Sie waren so kurzfristig dazwischen gekommen.”
Also wandern wir wieder auf Station 2B. Gottseidank ist da alles ruhig. Keine junge frisch gebakcene glückliche Mami in Sicht, weit und breit keine, aber jederzeit könnt eine um die Ecke kommen und ich schau mich misstrauisch um. Schwesternstation. “Hallo, mein Name ist APunkt.” “Hä?” “Äh, APunkt.” Die bebrillte Schwester schaut mich von oben bis unten an. Und ihrem scharfsinnigen Blick entgeht nicht, dass ich keinesfalls kurz vor der Niederkunft stehe. Nachdem sie einmal rauf und einmal runter geglotzt hat, atmet sie einmal tief ein udn dann lautstark aus. Sie ist genervt.
“Abrasio? Oder wat?”
“Hallo?”
“A-BRA-SI-O.” Mit jeder Silbe wird ihr Blick verächtlicher. Mit jeder Silbe steigt mein Wutpegel.
“ich ahb das gehört,” zische ich sie an.
“Ja und?”
“Ich weiß ja nicht, ob Sie das können oder ob ich Sie geistig überfordere, aber können Sie auch in ganzen Sätzen mit mir sprechen?”
“Hä?”
“Sätze. Sowas wie: Guten Morgen. Mein Name ist Schwester Hildegard. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?”
“…” Schwester Hildegard ist verblüfft.
“Mh?”
“Abrasio, hab isch Sie gefraacht!”
“Ja.” Geduldig schau ich ihr in die Augen. “So weit waren wir schon. Aber das ist leider KEIN ganzer Satz. Das ist ein für mich völlig unverständliches Wort.”
“Hä?” Kopf schüttelnd zuckt Schwester Hildegard mit den Schultern und geht hoch erhobenen Hauptes davon.
Na DAS konnte ja heiter werden.
Und das wurde es auch…
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“Haben Sie es selbst GAR nicht gemerkt?”
Schon die erste Frage im Krankenhaus bringt mich an meine Grenzen. Schuld steigt mal wieder in mir hoch. Hätte ich etwas merken müssen? Warum hab ich mich denn so wohl gefühlt? Bin ich so ignorant? So leichtsinnig? Zu oberflächlich?
“Nein. Es ist beim Ultra-Schall rausgekommen.” Meine Stimme klingt apathisch. Ich fühl mich völlig leer.
“Wann war das?” Stakkatoartig stellt der kleine vollbärtige Oberarzt seine Fragen, hakt dabei Dinge auf einem Zettel ab und schaut ansonsten an mir vorbei.
“Am 5.5.” Meine Stimme gewinnt nicht gerade an Gefühl.
“Aha!” Herr Dr. Trockeneis schaut empört auf. “Und warum sind Sie dann nicht am SECHSTEN hiergewesen?”
“Äh, also, ich…” Wenn seine fiese kalte grausame Art für EINE Sache gut ist, dann dafür, dass jetzt Tränen in mir aufsteigen.
“Ich wollte abwarten… Bis es sich vielleicht…” Mir fehlt es an Worten “von alleine…” Hilflos schaue ich die Schwester an, die leise hinten im Raum Platz genommen hat. Sie schaut mich mitfühlend an. Meine Augen schwimmen. Als mein Blick zu Herrn Dr. Trockeneis zurückwandert,ist Entgeisterung in sein Gesicht geschrieben. Er räuspert sich.
“Naja. Mann KANN auf eine Fehlgeburt warten. Man KANN über Wochen Blutklumpen abgehen lassen. Man KANN das unter größten Schmerzen erdulden. JA-HA! All das KANN man machen. Aber man KANN auch SAUBER damit abschließen.” Außer Atem und hocherfreut über seine saubere, stotterfreie, kleine Rede schaut er mich triumphierend an.
“Aber äh…” Das kann ich doch alles nicht, äh, ich kann doch nicht wissen, wie, ich hab doch noch nie, ich hätte nie gedacht, äh, also, woher sollte ich denn – alles mögliche geht mir durch den Kopf, aber ich kann nichts mehr sagen, die Tränen verstopfen mir den Hals. Atmen. Weiteratmen. Bitte. Weiteratmen. Ein und aus.
“Ja, also…” Vielleicht hat er verstanden, dass er zu weit gegangen ist. “Naja. Gut, dass Sie jetzt hier sind.”
Nee. Gar nicht gut. Gar nicht. ÜberHAUPT nicht gut! Ich schlucke und schweige. Ein beliebtes Motiv aus meinem Leben,
“Wo ist der Mutterpass?”
Der Mutterpass. Ich sehe noch das Gesicht von Herrn Dr. Fifikus, wie er ihn diskret zu meinen Akten schob, als ich leise den Kopf schüttelte, als er ihn mir geben wollte. “Den hab ich beim Frauenarzt gelassen.”
“Also hören Sie mal. Wieso DAS denn?”
Wie soll ich diesem Arschloch noch irgendetwas erklären? Ich schaue mit zusammengepressten Lippen aus dem Fenster und schalte mich ab (ein ebenso beliebtes Motiv aus meinem Leben)
Aber Herr Dr. Trockeneis lässt nicht locker: “Der MUTTERpass gehört zur MUTTER!” Bei diesem denkwürdigen Satz klopft er Silbe für Silbe auf den winzigen hellgrauen Tisch zwischen uns.
Ich schlucke noch einmal, vielleicht das eine mal zu viel, denn dann platzt etwas in mir. Meine Augen verengen sich zu Schlitzen, mein Mund bekommt einen verächtlichen Zug, zynisch heben sich meine Mundwinkel, während meine beiden Handflächen herausfordernd nah vor dem Idiotenarzt auf dem Tisch landen. Ich schau ihm direkt in seine kalten Augen. Ich zische zwischen meinen gebleckten Zähnen hindurch: “Ich weiß nicht, ob es Ihnen schon aufgefallen ist, aber ich WERDE nicht Mutter.”,
Feuer gegen Trockeneis. Die Menge machts. Der Sieg ist mir sicher. All mein Schmerz, all meine Frustration, all mein Hass auf die Situation fließt aus meinen Augen, fließt in diesen Satz. Dann schweigt er, der Onkel Doktor.
Die Stille ist mit Händen greifbar. “Eat this!” denk ich, dann bricht der Damm. Die Tränen schießen aus meinen Augen, kein Halten mehr. Mit vorwurfsvollen Seitenblick auf den Oberarzt steht Schwester Eva auf und geht zu mir herüber. Sie umfasst fest meine Schultern. “Geht es wieder?” fragt sie nach einiger Zeit, während Herr Dr. Trockeneis beflissen in den Unterlagen blättert. Ich nicke.
Nach der Untersuchung soll ich noch Fragen stellen. Die OP ist am nächsten Morgen. Ich habe ein muttermundweitendes Mittel bekommen und hake nach: “Was ist, wenn ich heute Nacht noch starke Blutungen bekomme? Soll ich das Mittel dann noch nehmen?”
“Periodenähnliche Blutungen können Sie laufen lassen.” Der Herr Oberarzt spricht nur noch zum Tisch. “Bei Klumpen müssen Sie kommen.”
Bei Klumpen muss ich kommen, soso. Fragend schau ich ihn an.
“Ähm, ich bin mir sicher, dass Sie wieder, also, wissen Sie, die Natur, die hat, äh, es spricht nichts dagegen, dass Sie, unter Umständen, also, ich hoffe nicht, nee, ich hoffe, ähm, ich bin mir sicher…” Um Kopf und Kragen redet sich Herr Dr. Kleinlaut unter meinem eisigen Blick. “Also, ich bin mir sicher, wir sehen uns nach diesem Eingriff demnächst im Kreißsaal wieder.”
“Das glaube ich nicht.”
“Oh.” Er ist nicht sicher, ob ich Zweifel an einer erneuten Schwangerschaft oder an meinem zukünftigen Aufenthalt in seinem Krankenhaus habe und sagt nichts mehr. Ich überwinde mich zu einem höflichen Händedruck. “Na dann! Bis morgen. Und nicht vergessen:” Seine Stimme bekommt einen aufmunternden Klang. “Klumpen nicht ignorieren.”
Verächtlich schnaubend verlasse ich das Untersuchungszimmer. Morgen um diese Zeit habe ich es hinter mir…
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Meine Freundinnen… Und mein Bruder.
Fünf Freundinnen. Ein Bruder. Wundervolle Menschen, die mir jede auf ihre Art nahe sind. Fast alle haben von der Schwangerschaft gewusst. Alle wissen sie von deren Ende. Und in jedem von ihnen konnte ich ein Stück von meinem Schmerz entdecken. Anouk weinte, Jessi kompensierte, Kim identifizierte, FenYang schenkte, Isis prophezeite und Leo analysierte.
All dies zusammen, abwechselnd und wellenartig, schlummerte und wachte in den letzten zehn Tagen in mir. Und jeder Weg brachten mich ein Stück weiter.
Als ich Anouk tröstete, war es, als besänftige ich mich selbst. Meine Traurigkeit, meine Erschütterung, wir teilten und halbierten. Zusammen in der Gefühlskugel. Das kann nur Anouk.
Mit Jessi fand ich den Blick auf die schönen Dinge wieder, Sonne, Zukunft, Strand, Star Trek. Sie sind noch da. Jessis Gabe. Den Weg ins Licht weisen. Keine Beschönigung. Die andere Seite. Authentisch. Schneeweißchen und Rosenrot…
Kim war am nächsten dran. Sie verstand nahezu vollständig und machte zu. Ein kurzer Blick in den Spiegel, der schnell wieder verhangen wurde.Ich bin glücklich über den kurzen Augenblick der Liebe zwischen uns.
FenYangs Augen verdunkelten sich. Und sie verschenkte sofort etwas Buntes. Ich weiß nicht, wie oft sie das schon mit mir getan hat. Und mit sich. Verdunkeln und bunt ausmalen. Der farbenfrohste Mensch, den ich kenne.
Und Isis. Die detailgetreu eine Zukunft mit Schwangerschaft und drallen gesunden Babies ausmalte. “Das wird wieder gut! Und dann denkst du nicht mehr an diese schwere Zeit.” Wie ich hoffe, dass sie Recht hat. Danke für Deinen Optimismus, Baby!
Und nun: Leo. Leo und die Analyse. Leo und seine Trefferquote. Leo und sein wunderwarmes Herz, das mit einem messerscharfen Verstand interagiert. Dem Verstand habe ich mich verweigert. Und doch verdanke ich seinem Herzen die größte, die wesentlichste Erkenntnis.
Er hatte Recht, als er meinen Schmerz ’stumm’ nannte. Und die Auseinandersetzung befürwortete. Und die Verdrängung misstrauisch beäugte.
Ich habe ihm etwas erklärt. Und wie so oft wurde es erst in dem Moment klar, als ich es aussprach. Mir war der Humor abhanden gekommen. Ich kann die schlimmsten Alpträume verarbeiten, wenn ich über sie scherzen kann. Die schlimmsten Momente meines Leben wurden dann leichter, wenn das heisere Glucksen meinen Hals hochstieg.. Ich liebe es, mich und alle Beteiligten durch den Kakao zu ziehen. Vielleicht habe ich deswegen diese sechs Menschen, die mich bedingungslos lieben, sonst aber kaum Bekannte. Spott. Mein Lebenselexier. Mein durch und durch dreckiges Lachen. Ich hatte mein Lachen verloren. Apricitas Thaler. Eine tragische Figur. Ohne Komik. WAS für ein Verlust.
Heute ist ein großer Tag. Heute habe ich es wiedergefunden, mein Lachen. Und einen Weg. Zwei Wege, um genau zu sein. Niemals werde ich über diesen Abschied lachen können. Niemals. Doch über die Umstände schon.
Der Humor der Verzweiflung. Fester Boden hat sich wieder breit gemacht. Boden, den ich brauche, um das Elend an mich heranlassen zu können.
Ich habe mir die Freiheit genommen, über die äußeren Umstände einer Fehlgeburt zu scherzen. Die inneren werde ich nur mit mir ganz alleine ausmachen können. Ich warte. Ich bleibe dran. Alles ist möglich. Alles ist erlaubt. Es gehört mir allein. Es ist meine Geschichte.
Mein Weg.
Schrittchen für Schrittchen.
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… ist manchmal doppeltes Leid…
“Alex?”
“Mh-Mh?”
Es ist das fünfzehnte”Mh-Mh?”, das ich zu hören bekomme, seit ich über mein Leid plappere, unser Leid wohlgemerkt, das ich anders verarbeite als er. Vielleicht ist es aber auch ganz einfach die dem doppelten X-Chromosom geschuldete Diskrepanz zwischen Verarbeiten- und Vergessen-wollen.
“Kannst du mal etwas Ehrliches sagen?”
“Etwas Ehrliches?”
“Etwas ehrlicheres als “Mh-Mh?”?”
“Mh-Mh ist unehrlich?”
“Auf eine gewisse Weise schon. Du versteckst dich hinter “Mh-Mh” ’s und ich weiß nicht, was du denkst.”
“Ich denke…”
“Ja?” Gesapnnt beuge ich mich nach vorne.
“…nichts.”
Ehrlicher geht kaum.
“Ok. Und wann wirst du etwas darüber denken?”
“Weiß nicht. Ich will nicht denken. Will einfach nicht nachdenken.”
“Ich kann aber gar nicht anders.”
“Das merk ich.”
“Red ich zu viel?”
“Du hast Deine Weise, damit zurecht zu kommen. Ich meine.”
“Es ist aber ein Unterschied, ob man versucht mit etwas zurecht zu kommen oder ob man etwas beiseite schiebt.”
“Weißt du, Price….” Er sagt meinen Namen, das tut er selten.
“Ich glaube, die Dinge gewinnen an Größe, wenn man ihnen Raum gibt.”
Ich schweige. Versuche meine Muster zu ordnen, frage mich, warum ich mich angegriffen fühle und sage schließlich:
“Da irrst du dich, Alex. Die Dinge sind so groß, wie sie sind. Und du findest nie heraus, welche Größe sie für dich haben, wenn du sie bequem in einer Schublade verstaust.”
“Das kann sein.”
“Aber?”
“Kein Aber, Price, ich glaub, ich will es nicht herausfinden…”
Er glaubt fest an einen falschen Weg.
Und ich kann ihn verstehen…
Immerhin ist es ein Weg…
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Und mal wieder klingelt das Telefon…
“Hey Leo…”
“Sternchen? Was ist los? Mal wieder den Hang runtergeböllert?” Er lacht.
“Nee.”
“Price? Alles klar?”
“Nee, Leo, aber kann ich dich später nochmal anrufen. Es geht grad wirklich nicht.” Ich weine.
“Hejjj? Sonnenschein?”
“Nix Sonnenschein. Ich melde mich später…” Und bumms habe ich aufgelegt. Das ist nicht meine Art, aber ich stehe mitten auf der Straße, mitten unter Menschen, Autos fahren an mir vorbei, Leute drängeln, die Ampel knistert und klickt vor sich hin, ein geschäftiger Morgen in der Stadt, den ich nur durch einen Schleier wahrnehme… Noch ein Wort weiter zu Leo und ich hätte einen Zusammenbruch erlitten. Fassung. Fassung bewahren.
“Haben Sie etwas ungewöhnliches bemerkt?” hat mich Herr Dr. Fifikus zwanzig Minuten vorher gefragt.
“Nee.” Ich lächel. “Alles normal.” Gebannt schau ich auf den Bildschirm. Nur – es ist nichts zu sehen. Also fast nichts. Noch denke ich, dass es einfach an dem Ultraschallstab liegt, dass er einfach nicht richtig an das Knöpfchen heranreicht.
“Ist etwas nicht in Ordnung?” frage ich, aber die heißen Tränen, die mir längts die Wangen herunterlaufen, sagen mir, dass GAR nichts in Ordnung ist. Gar nichts. Das Herz versteht schneller als der Verstand.
Herr Fifikus streichelt mir betroffen das Knie. “Ich kann keine Herzaktivitäten erkennen.”
Inzwischen schluchze ich. Ich schluchze und versuche zu fragen, wie das denn sein kann, versuche zu verstehen, warum ich mich so gut fühle, wenn gerade der Funken Leben, der in mir wächst, ach wuchs, erloschen ist.
Aber dann merke ich, dass ich mich nicht gut fühle. Ich fühle mich schrecklich. Die Schluchzer rennen meinen Hals hoch, sie überstürzen sich, trampeln sich gegenseitig nieder, einer nach dem anderen will heraus, denn jeder von ihnen will dem Verlust, diesem entsetzlich traurigen Verlust Ausdruck verleihen. Jede Träne, die tropft, gilt dem verlorenen Kind, keine Atemzüge mehr, ich will nicht mehr atmen, denn das Herz schlägt nicht mehr, was hilft das Atmen, wenn das Herz, die zweite Seele nicht mehr ist? Warum? Verdammt warum? Warum? Warum? Warum?
Doch kein Wort verlässt meine zitternden Lippen. Auch die Schluchzer stauen sich, mein Gesicht zerknautscht und verkrampft, meine Augen starren den Arzt an und fassen es nicht, wollen es nicht begreifen.
“Wir reden gleich. Jetzt weinen Sie erstmal.”
Ja. Weinen. Etwas anderes ist nicht möglich. Die gereichten Taschentücher zerknülle ich in meinen Händen, reiße kleine Stückchen heraus und weiter und weiter und weiter, Knüddelchen für Knüddelchen landet auf dem Boden. Der Arzt tätschelt liebevoll meine Schulter. Ich bin untröstlich. Kein Trost. Mein Kind hat mich verlassen. Kein Kind im Dezember. Kein Baby.
Als ich mich das erste Mal wieder gefasst habe, sitze ich in seinem Sprechzimmer. Ich hatte kurz aufgehört zu weinen udn wieder begonnen zu atmen, da hörte ich schon wieder auf zu atmen, nicht ohne aber ein Wort hinauszustoßen: “WARUM?”
“Es sieht nach einem CHromosomenfehler aus. Es ist nicht richtig gewachsen. Die Natur entscheidet manchmal so.”
Ich schaue ihn an. Die Schuldfrage, mein altes Thema, steht mir ins Gesicht geschrieben.
“SIE HABEN NICHTS FALSCH GEMACHT! Das kann keiner beeinflussen. Das passiert einfach. Ich bin selbst ganz traurig..”
Wisst Ihr was? Ich glaube ihm. Er schaut mich an, in schmerzlichen Verständnis. Und er erträgt mein Leid, von hinten schiebt mir eine Sprechstundenhilfe ein Schnupftücherkarton hin. Ich zupfe und knülle und kämpfe gegen all die Tränen, die noch rauswollen, lasse sie fließen, schlucke ein paar, und komme nicht gegen den Schmerz an, der mich in Wellen zu übermannen droht.
Irgendwann kam dann die Erkenntnis, dass es anderen Frauen auch so ergangen ist. Dass auch die noch viele gesunde Babies bekommen haben. Auch das liest Herr Fifikus in meinen Augen.
“Nichts spricht dagegen, dass sie in den nächsten Jahren noch Kinder bekommen. Die Natur entscheidet manchmal so und manchmal so. Dass Sie überHAUPT schwanger geworden sind, ist schon mal gut. Dann ist bei Ihnen schon mal alles in Ordnung. Mit dem Kind war etwas nicht in Ordnung. Deswegen ist es nicht weiter gewachsen.”
Meine Tränen wollen zwar nicht versiegen. Aber sie fließen jetzt einfach nur noch in einem ruhigen Fluss. Ich schlucke zwei bis drei Mal. Wie es weitergeht, will ich wissen.
“Sie machen jetzt erst Mal heute GAR nichts mehr. Kommen Sie am Donnerstag nochmal rein. Ich bin jederzeit telefonisch für Sie da. Es gibt zwei Möglichkeiten, aber Sie müssen heute NICHTS entscheiden.”
Zwei Möglichkeiten: Auf eine natürliche Blutung warten oder eine Ausschabung vornehmen lassen.
Nunja.
Ich sitze hier und weine.
Immer noch tut es weh.
Ich will nichts entscheiden. Will weinen. Abschied nehmen.
Allein sein.
Allein.
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“Leeeo?”
“Schwesterlein?”
“Ich hab mir die Hand gebrochen.”
“Wos?”
“Ja-ha! Gebrochen!”
Wenn ich verletzt bin, werde ich automatisch vorwurfsvoll. Ein Mechanismus, der eng mit meiner unglücklichen Kindheit verknüpft ist. Schuld, Schuld, Schuld. Ich suche immer und stets nach dem Schuldigen. Und wenn ich mich verletze, kann das ja wohl kaum ich selbst gewesen sein, oder?
“Wie hast du dir denn die Hand gebrochen?”
“Der Kevin hat gesagt” (Ich hör mich an, wie eine fünf-Jährige.) “ich soll den Abhang runterlaufen.”
“Soso. Den Abhang. Wo denn bitte?”
“Auf so einer Wiese im Gebirge, da ging das GANZ steil runter.” Inzwischen bin ich auf dem Niveau einer vier-Jährigen angelangt.
“Und weil der Kevin das gesagt hat, bist du auch gelaufen?” Geduldig stellt Leo Fragen, das ist das einzige, was hilft, und das weiß er genau.
“Nein, der Kevin, der hat AUCH gesagt, das macht GANZ viel Spaß und ich muss mich zum Bremsen nur fallen lassen.”
“Hö? Wer IST eigentlich Kevin?”
“Ist doch egal. Ein Freund von Bella eben. ” Bella ist meine entzückende sechs-jährige Tochter, die stolz auf ihre Mutter sein will. “Jedenfalls hat der auch gesagt, dass seine Mutter ohne Probleme da runter gelaufen ist.”
“Seine Mutter?”
“Ja, seine Mutter und dann hat Bella mich so sehnsüchtig angeguckt und ich hab auch gar nicht dran gedacht, dass das gefährlich sein könnte, sondern dachte nur, dass ich eigentlich zu faul bin und dann hat Bella mich NOCH sehnsüchtiger angeschaut und dann dacht ich, ich könnt doch mal meinen inneren Schweinehund schön überwinden und dann hab ich mit den Schultern gezuckt und bin einfach losgelaufen.”
“…”
“Leo?”
“Einfach losgelaufen.” Kann man ein missbilligendes Kopfschütteln hören?
“Genau. Sag ich doch.” Trotz ist jedenfalls unüberhörbar,
“Und dann?” Leo fährt jetzt wieder die resignierte Geduldsschiene.
“Naja, war eigentlich ganz schön, aber meine Füße und Beine, die konnte ich ab der Hälfte der Strecke einfach nicht mehr kontrollieren, ich wurd immer schneller, meine Schritte immer größer und dann war ich immer noch nicht unten, aber fallen lassen hab ich mich nicht getraut und dann bin ich immer weiter und dann kam da dieses Gestrüpp und dann hab ich gedacht, bevor ich volle Lotte in das Gestrüpp renne, lass ich mich doch lieber fallen und dann hab ich mich drei Mal überschlagen und bin doch im Gestrüpp gelandet, aber nicht volle Lotte, aber beim dritten Mal überschlagen hab ich mich mit der Hand abgestützt und die tat dann so weh und ich konnt sie nur noch ein bisschen bewegen und dann musste ich aber auch so lachen.”
“Lachen.”
“Ja, ist doch lustig, wenn ich alte Schachtel da so den Hang runter böller, oder?”
“Nein.” Leo ist aufgebracht. “Definitiv NICHT lustig. Nicht. Gar nicht. Unlustig. Ganz und gar unlustig.”
“Ach komm. Leo!”
“Wart ihr beim Arzt?”
“Na klar. Sonst wüsst ich ja gar nicht, dass die Hand gebrochen ist. Is aber nicht schlimm. Nur so ein kleiner Riss, heilt wieder. Ehrlich. Ganz ganz schnell heilt das wieder.”
“Was sagt Alex dazu?”
“Was soller sagen?”
“Naja, er könnte sauer sein.”
“Sauer? Weil ICH mir die Hand gebrochen hab?”
“Weil du mit SEINEM Kind im Bauch einen Abhang runterböllerst.”
“Mh?”
“Price, DU BIST SCHWANGER!”
“Mh?”
“Man rennt nicht schwanger einen Abhang runter. Das TUT man nicht!”
“Tut man nicht?”
“Tut man nicht.”
“Du, ich hab da noch gar nicht dran gedacht.”
“Was?”
“Scheiße Leo, ich hab an alles Mögliche gedacht, aber daran nicht.”
“Mannometer, pass doch ein bisschen besser auf dich auf, Price! Ihr seid jetzt zu zweit.”
“Äh, zu viert.”
“Meinetwegen zu viert, aber du, DU bist jetzt zu zweit!”
“das erklärt, warum Alex so still war.”
“Alex ist immer still.”
“Noch stiller, Leo, noch stiller.”
“Red mal mit ihm.”
“Mach ich. Auweiha, du hast ja so Recht.”
“Natürlich hab ich Recht. Wann hast du den nächsten Arzttermin?”
“Dienstag.”
“Und wenn er fragt, was du an der Hand hast?”
“Die schlimmsten Unfälle passieren im Haushalt.”
“Beim Fensterputzen von der Leiter gestürzt?”
“Darf ich denn schwanger noch auf Leitern steigen?”
“Nein.” Ich höre, dass er schmunzelt.
“Treppen steigen?”
“Nein.”
“Fahrrad fahren?”
“Nein.”
“Müll rausbringen?”
“Vergiss es.”
“Hihi, das sag ich Alex alles. Das wird ein feines Gespräch.”
“Price!”
“Schon gut, Leo, ich hab ja verstanden. Aber Rauchen. Rauchen geht doch, ne?”
“Was du rauchst noch?”
“Ein bisschen.” (Knalleknatscherot bin ich jetzt.)
“was heißt denn ein bisschen?”
“So ein paar.”
“Price?”
“Leo?”
“Oha!”
“Ich weiß, Leo. Ich weiß…”
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Ein Gynäkologe, der ohne Übersprungshandlungen einen Ultraschallstab in mein wertvollstes Stück steckt, ist ne Menge wert. Ich dachte ja immer, so etwas sei unauffindbar, aber Dr. Fifikus ist ein Mann, der sein Handwerk versteht und sein Handwerk als Handwerk betrachtet.
“Sehen Sie, hier ist der Dottersack, und hier, ganz oben, sehen Sie das leichte Flackern?”
“Ja.”
“Das ist das Herzchen, das klopft…”
“Oooooh.”
Ich hab das schon mal gesehen, bei meiner kleinen Tochter, als sie so klein in meinem Bauch rumschwamm, aber es ist doch immer wieder bewegend…
“Sehen Sie, und dies ist der Eileiter, in dem die Schwangerschaft entstanden ist. Der linke….”
“Hö? Das kann man alles nachvollziehen.”
“Aber ja!” Dr. Fifikus griemelt vor sich hin. “Und noch mehr: Es war der Donnerstag vor zwei Wochen, ca. 19.30.”
“Auweiha!” Ich kicher vor mich hin. “Sagen Sie das bloß nicht meinem Mann.”
“hahaha!” Dr. Fifikus fängt den Ball. “War der da auf Geschäftsreise?”
“Hihi, ich sag nichts mehr ohne meinen Anwalt.”
Mal abgesehen davon, dass ich und Dr. Fifikus uns prächtig verstehen, komme ich ins Grübeln. Wann, verdammt noch mal, hatten wir das letzte Mal Sex? Und warum, verdammt noch mal, ist Alex so ein unglaublich triebträges Prachtstück der männlichen Zunft? Es war definitiv nur ein einziges Mal in diesem schon lang andauerendem Jahr 2009. Naja, zumindest ein Volltreffer. Äh, aber wann?
Wann nur?
“Herzlichen Glückwunsch, Frau Apricitas. Sie sind in der 6. Woche schwanger und alles sitzt, wo es hingehört.”
Na, das ist doch mal eine Aussage.
Da verlass ich mich jetzt einfach drauf.